Ausstellung: 7. Februar bis 4. Mai 2008
Ort: Wien Museum Karlsplatz, 1040 Wien
Öffnungszeiten: Di - So + Feiertag, 9.00 bis 18.00 Uhr, 1. Mai
geschlossen

Innenansicht der Ausstellung
Nagoya. Das Werden der japanischen Großstadt
© Wien Museum / Andreas Urban
Kunstschätze und Alltagskultur aus Japan
In keinem anderen Land hat sich die Verstädterung so rasch entwickelt wie in
Japan. Nagoya ist dafür ein Paradebeispiel: Vor 400 Jahren als feudale Burg- und
Residenzstadt gegründet, in der zehntausende Samurai lebten, liegt die
viertgrößte Stadt Japans heute inmitten einer dicht besiedelten Industrieregion
mit rund 8 Millionen Einwohnern, in der Konzerne wie Toyota oder Brother
beheimatet sind.
Der rasante Wandel japanischer Stadtkultur ist Thema einer Ausstellung, die
außergewöhnliche wie kostbare Exponate nach Wien bringt. Kunstschätze werden
ebenso zu sehen sein wie Objekte aus dem städtischen Alltag. „Darin liegt das
Ungewöhnliche dieser Ausstellung“, so Direktor Wolfgang Kos: „Einerseits finden
Besucher faszinierende Zeugnisse japanischer Kultur, zum Beispiel Wandschirme
mit Seidenmalerei auf Goldgrund, eine prächtige Samurai-Rüstung, viele Meter
lange Rollbilder mit Szenen aus der Edo-Zeit oder Farbholzschnitte von Hokusai.
Andererseits werden all diese Objekte in einen gesellschaftlichen Kontext
gestellt und so Teil einer großen Erzählung.“
400 Jahre japanische Stadtkultur
Nagoyas Geschichte begann 1610 mit dem Bau einer Burganlage durch die mächtige
Tokugawa-Dynastie. Darauf folgte eine gigantische Übersiedlung: Rund 90.000
Menschen wurden – ebenso wie Tempel und Schreine – aus dem nahegelegenen Kiyosu
in die innerhalb weniger Jahre erbaute Schachbrett-Stadt umgesiedelt. Bald
entwickelte sich Nagoya zu einem blühenden Zentrum der Edo-Epoche und zu einem
Umschlagplatz neuer populärer Kulturformen. Der Beginn der Meiji-Zeit um 1870
markiert Japans Weg in die Moderne. Bis dahin hatte sich das Land von der Welt
weitgehend abgeschottet. Nun öffnete es sich, mit forcierter Industrialisierung,
westlichem Kalender und Übernahme neuester Technologien. Der Auftritt Japans auf
der Wiener Weltausstellung von 1873 stieß auf große Faszination, die Schönheit
der kunstgewerblichen Produkte löste den Modetrend des „Japonismus“ aus. Nagoya
war 1873 prominent vertreten: Einer der riesigen, goldenen „Shachi“ – Fabelwesen
in Tiergestalt auf dem Burgdach und bis heute Wahrzeichen Nagoyas – wurde sogar
nach Wien geschafft.
In rasantem Tempo wandelte sich Nagoya um 1900 zur modernen Metropole und
Millionenstadt – mit Überseehafen, elektrischer Straßenbahn (eingeführt 1898, im
gleichen Jahr wie in Wien), Kaufhäusern und westlich geprägter
Unterhaltungskultur. Die Ausstellung zeigt u. a. Werbung aus den 1930er Jahren
im Stil des Art Deco. Bis heute gilt Nagoya als „Mekka des Pachinko“, eines
äußerst populären Glücks- und Geschicklichkeitsspiels. Frühe Pachinko-Maschinen
aus lokaler Produktion sind deshalb auch in der Ausstellung zu sehen.

Nagoya 2008
Foto Nagoya City Museum
© Nagoya City Museum
Nach 1945: Von der Autostadt zur ökologischen Musterstadt
Da Nagoya Zentrum der japanischen Rüstungsindustrie war, wurde die Stadt im
Zweiten Weltkrieg durch US-Bombardements großflächig zerstört. Die nach 1945 neu
aufgebaute Rasterstadt kam mit ihrem großzügigen Straßennetz den Bedürfnissen
des Autoverkehrs entgegen. Heute präsentiert sich die Stadtlandschaft als
scheinbar endlose Abfolge von Zentren und Peripherien und ist Teil einer der 30
größten Agglomerationen der Welt. In den letzten Jahren entstanden im Zuge einer
„urban renaissance“ auch spektakuläre Hochhäuser. Stadtplanerisch unverzichtbar
ist die enge Kooperation zwischen Stadtregierung und privaten Investoren. Nagoya
hat heute ein avanciertes öffentliches Verkehrssystem, hat aber nach wie vor den
höchsten Anteil von Privat-PKWs in Japan. Jedoch wurden in jüngster Zeit auf
Grund massiver Umweltprobleme Maßnahmen zur ökologischen Trendwende gesetzt. In
Japan gilt Nagoya heute als „Musterstadt der Mülltrennung“.
Schwerter, Batik, Holzschuhe
Schon in der Edo-Zeit war Nagoya durch die Dominanz der Samurai eine
konsumorientierte Stadt, die auf bestimmte Branchen wie Schwertherstellung,
Produktion von Miso und Holzverarbeitung spezialisiert war. Traditionelle
Handwerkstechniken werden in der Ausstellung mit Produkten und Werkzeugen
vorgestellt: Historische Kimonos in Schnürbatik-Technik, Holzschuhe oder Tabi-Socken.
Gezeigt werden auch wertvolle Emailmalereien in Cloisonné-Technik, eine
Spezialität Nagoyas im späten 19. Jahrhundert.
Weltkonzerne aus Nagoya: Toyota und Brother
Drei Unternehmen aus der Region Nagoya stehen exemplarisch für den
wirtschaftlichen Aufstieg Japans zum Export-Weltmeister. Alle drei
Fallgeschichten zeigen, wie westliche Vorbilder zu genuinen Innovationen führten
und dazu genutzt wurden, nach dem Inlandsmarkt auch den Weltmarkt zu erobern.
Toyota fertigte zunächst Industrie-Webstühle, ehe 1937 das erste Auto in Serie
ging (ein 1:5-Modell des legendären Toyota AA Sedan reist für die Ausstellung
aus Nagoya nach Wien!). Mit Erfolgsmodellen wie dem Corolla begann der
Welterfolg. Ein Oldtimer der Serie von 1970 ist während der Ausstellungsdauer im
Foyer des Wien Museum Karlsplatz „geparkt“. Heute ist Toyota der größte
Automobilhersteller der Welt und ein den Raum Nagoya dominierender Mischkonzern.
Das Unternehmen Brother (der Name wurde einst gewählt, weil Englisch in Japan
in Mode war), heute weltweit eines der führenden Unternehmen im Bereich der
Kommunikationstechnologie, begann mit Nähmaschinen und verdrängte bald den
Import-Monopolisten Singer. Gezeigt wird ein Exemplar der ersten in Japan
produzierten Nähmaschine aus den 1920er Jahren, die der Herstellung von
Strohhüten diente. Mit Näh- und Schreibmaschinen ging Brother in den 1950er
Jahren auf den Weltmarkt.
Das Keramik-Unternehmen Noritake reüssierte um 1900 mit dekorativen Vasen
nach europäischem Vorbild und modernem Tafelgeschirr. Beides wurde in die USA
exportiert, später trug Noritake dazu bei, dass auch Japaner weiße „dinner sets“
verwendeten. In der Ausstellung gezeigt wird auch ein Service, das Frank Lloyd
Wright für das Imperial Hotel in Tokio entworfen hat.
Bedeutende Stadtfotografen
In der Ausstellung sind Fotoserien wichtiger japanischer Fotografen zu sehen:
Shomei Tomatsu hielt mit der Kamera die unmittelbaren Nachkriegsjahre fest, Jiro
Teranishis Bilder zeugen vom modernen Leben der 1960er Jahre. Von Keizo Kitajima
ist eine Version seiner Serie „PORTRAITS + PLACES“ zu sehen, in der er anonyme
japanische Stadtlandschaften zeigt.

Shinsui Ito (1898 – 1972)
Uhr und Schönheit, 1920/30
Nagoya City Museum
© Nagoya City Museum
Partnerschaft mit dem Nagoya City Museum
Mit dem Nagoya City Museum verbindet das Wien Museum seit 1997 eine intensive
Partnerschaft. Sie begann mit zwei erfolgreichen Ausstellungen: Wiener
Jugendstil in Nagoya, „Samurai und Bushido“ in Wien. 2003 wurden in Japan
erstmals Meisterwerke des Wiener Biedermeier aus dem Bestand des Wien Museums
einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Die nunmehrige Ausstellung bringt
zahlreiche exklusive Exponate nach Wien, darunter Ikonen aus dem Museum in
Nagoya: Beispielsweise eine prächtige Vase in der Cloisonné-Technik, die einst
als Geschenk für den japanischen Kaiser gefertigt wurde. Für Nagoya handelt es
sich um ein bedeutungsvolles Ereignis: Zur Eröffnung wird auch der Bürgermeister
der boomenden Stadt nach Wien kommen.
Sponsoren
Als Sponsoren konnten für die Ausstellung „Nagoya. Das Werden der japanischen
Großstadt“ der Weltkonzern Brother und Toyota Frey, der Pionier im Import
japanischer Autos nach Österreich, gewonnen werden.
Ausstellungskatalog
Der gleichnamige
Ausstellungskatalog ist im Verlag Anton Pustet erschienen.
Weitere Informationen:
Wien Museum Karlsplatz
Karlsplatz • 1040 Wien
Tel.: 01 - 5 05 87 47-0
eMail: service@wienmuseum.at
web: www.wienmuseum.at